Digitale Edition des 5. Rundbriefs 1944

Rundbrief

des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Dezember 1944. No. 5 erscheint jährlich viermal
Liebe Kameraden !

Bald wird es Weihnachten. Da wandern unsere Gedanken wieder besonders herzlich zu Euch allen hinaus. Viele von Euch haben in ihren Antworten auf unseren letzten Rundbrief voll freundlicher Sorge gefragt, ob unser Zentralinstitut vom totalen Kriegseinsatz schwerer betroffen wurde. Natürlich haben auch wir unseren Tribut geleistet. Da aber die Philosophische Fakutltät der Wiener Universität weiter aufrecht erhalten wurde, durften auch wir unsere Arbeit im wesentlichen weiterführen.

Die Zahl unserer Institutsmitglieder ist freilich viel kleiner geworden. Die jungen und mittleren Semester sind zum grossen Teil in den Rüstungseinsatz gegangen. Verblieben sind, gemäss den Richtlinien des Reichserziehungsministeriums, die Examenskandidaten, die bis zum 1. Mai 1945 ihre Doktorexamina abzuschliessen vermögen, die Versehrten, die überhaupt weiterstudieren dürfen, die Rekonvaleszenten unter den Wehrdienstpflichtigen, die etwa für mehrere Monate in Lazarettbehandlung sind und während dieser Zeit studieren dürfen, Kriegerwitwen, einige aus gesundheitlichen Gründen vom Wehr- und Arbeitseinsatz Befreite und im sogenannten nebenberuflichen Studium einige weibliche Studierende, die tagsüber in der Rüstungsindustrie arbeiten, nachmittags ab 17 Uhr aber dann Vorlesungen un Uebungen besuchen dürfen.

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Gerade mit Rücksicht auf die letztgenannten Studierenden und im Hinblick auf die in die Mittagsstunden fallende Alarme wurde diesmal auch die Hauptvorlesung auf Nachmittag verlegt. Auch finden diese Vorlesungen nicht mehr, wie bisher, im Auditorium Maximum, sondern im schönen Kainzraum, also dem eigenen Hörsaal des Zentralinstituts in der Hofburg statt, der zu diesem Zweck mit einem Projektionsapparat ausgestattet wurde.

Viele von den Fernbetreuten - und ihre Anzahl ist indessen auf 399 gestiegen, weil nach einem Erlass des Reichserziehungsministers auch die zum Rüstungseinsatz Einberufenen fernbetreut werden sollen - fragten bei uns an, ob unser Institut bei den Luftangriffen auf Wien Schaden genommen habe. Gottlob ist das bisher nicht in erheblichem Masse der Fall gewesen. Am 10.September 1944 waren freilich zwei schwere Bomben auf den altehrwürdigen Michaelerplatz, dicht vor unseren Fenstern, niedergegangen. Da gab es nun gar viele zerbrochene Fensterscheiben und aus den Angeln gehobene Fensterrahmen. Aber auch dieser Schaden ist dank der unermüdlichen Selbsthilfe unserer Assistentinnen und Studierenden zum grössten Teil wieder behoben. Auch das Burgtheater und die Staatsoper stehen noch unversehrt. (12.XII.1944)

Sehr herzlich begrüssen wir nun alle die neu hinzugekommenen Fernbetreuten - die an der Front und die in der Rüstung - und bitten sie, sich unserm Kreis so eng einzufügen, wie dies bisher schon fast alle die andern taten, mit denen wir nun in eineinhalbjährigem Gedankenaustausch stehen. Die von der Rüstung sind uns ja alle vertraut, weil sie bisher aktive Institutsmitglieder waren und unsere Arbeit deshalb besonders genau kennen. Sie mögen durch dieses Rundbriefe in der altgewohnten Weise an unserem Tun und Treiben teilnehmen, damit sie einst – 3 – bei ihrer Wiederkehr dort wieder beginnen können, wo sie einmal aufhören mussten.

In diesem Wintersemester 1944/45 hält Prof. Kindermann ein dreistündiges Hauptkolleg über "Das deutsche und europäische Barockheater". Im Proseminar wird diesmal die Geschichte des Bühnenbildes in einer Reihe von Referaten durchgearbeitet, die vom Theater der griechischen Antike bis zum deutschen Gegenwartstheater führen. Und im Hauptseminar gelten die Referate dem Wesen und der Geschichte der Dramaturgie, wobei ebenfalls die Entwicklungslinien von Aristoteles bis zu den allerjüngsten dramaturgischen Bemühungen gezogen werden. Wir werden Euch dann im nächsten Rundbrief, zu Semesterende, genauere Berichte und Inhaltsangaben über den Verlauf des Hauptkollegs und der Seminare vorlegen.

Dozent Dr. Börge hält diesmal sein dramaturgisches Kolloquium über "Rollenpsychologie". Daneben hält er ein filmkundliches Kolloqium über den "Film als Gesamtkunstwerk". Dazu kommt seine einstündige Vorlesung über "Die Bühnengestalt der klassischen Hauptwerke des deutschen Spielplans". Es handelt sich um eine zyklische Vorlesung deren erster Teil in diesem Semester mit der Entwicklung von Kalidasa bis Shakespeare befasst ist.

Prof. Niederführ widmete sein in zwei Stufen durchgeführtes Kolloquium über praktische Bühnenkunde diesmal Problemen der Regiebuch-Gestaltung und des Spielplan - Aufbaues. Auch über den Verlauf der Vorlesungen und Uebungen von Dozent Börge und Prof. Niederführ werden wir im nächsten Rundbrief genau berichten.

Neu augenommen wurde für einen engen Kreis reifster Studierender ein Arbeitskreis über Prinzi- – 4 – pien der Regie, den der Oberregisseur des Burgtheaters Herbert Waniek leitet. Er setzte überaus lebending mit einem köstlichen Regie-Experiment ein und verspricht viel Gutes für unsere Institutsmitglieder. Wir geben im nächsten Rundbrief dann einen Sonderbericht über diesen Arbeiterkreis.

Die Ringvorlesung soll mit Rücksicht auf eine Reihe von Studierenden, die augenblicklich in einem kurzfristigen Arbeitseinsatz stehen, erst im Januar beginnen. Doch wurde wenigstens ein Vortrag schon vorweggenommen, der zugleich als Sonderveranstaltung galt, ein Vortrag von dem bekannten Bühnenbildner Prof. Niedermoser (Reichshochschule für angewandte Kunst), von dem unten gleich genauer die Rede sein wird.

Unsere besonderen Veranstaltungen werden nun, im Zeichen des totalen Kriegseinsatzes, natürlich nur mehr im engsten Rahmen unseres Instituts, also auch in unserem Kainzraum, durchgeführt. So fang in diesem Rahmen anlässlich des 450.Geburtstages des grossen Meistersingers von Nürnberg eine wohlgelungene Hans-Sachsfeier am 21. November 1944 statt.Zu Beginn sprach Hilde Weinberger (die bekannte junge Vortragskünstlerin, die unserm Institut als Mitglied angehört) Goethes Hymnus "Hans Sachsens poetische Sendung". Dann nahm Prof. Kindermann das Wort zu seinem Einführungsvortrag über "Hans Sachs und das deutsche Theater", in dem er etwa ausführte:"

"Nur wenige deutsche Dramatiker können das Recht für sich in Anspruch nehmen, in jedem Sinn Volksdichter gewesen zu sein, also Dichter aus der Mitte des Volkes und Dichter zugleich für alles Volk. Unter diesen wenigen aber nimmt Hans Sachs, dessen 450. Geburtstag – 5 – wir nun feiern, einen ganz besonderen Ehrenplatz ein, denn Hans Sachs ist ja zudem der einzige Dichter des 16. Jhdts., der heute noch volkstümlich ist, der heute noch hundertfach aufgeführt wird. Ja, wenn wir uns fragen, was denn von einmalig geformter Dichtung (also das Volkslied, Märchen und Sagen ausgenommen) aus weit zurückliegenden Jahrhunderten heute noch im Bewusstsein unseres ganzen Volkes, jenseits des blossen Bildungskodex, lebendig ist und über alle Zwischenzeiten hinüber wirksam blieb, dann erscheint uns Hans Sachs mit seiner köstlich farbensatten Schwank- und Fastnachtsspiel-Welt fast die weitest zurückliegende Insel voll dauernd gültiger Gestalten und Weisheiten, voll des sprühenden Humors und voll teifer Menschlichkeit.

Fragen wir uns nach dem Warum dieser beglückenden Dauer inmitten all des flüchtigen Wechsels der Erscheinungen, dann fällt die Antwort nicht ganz so einfach aus, als es im ersten Augenblick anmuten möchte.

Zunächst ist diese Welt der Schwänke und Fastnachtsspiele inmitten des Gesamtwerks von Hans Sachs nur ein bescheidener Bruchteil. Sie werden ja zahlenmässig von all den tausenden Meistergesängen, von all den Streitschriften im Dienst der Lutherischen Reformation und von all den hunderten von Tragödien weit überboten. Aber gerade in diese Schwänke und Fastnachtsspiele ist mehr als in die wesentlich konstruktiveren übrigen Dichtungen Sachsens ein Jahrtausenderbe deutschen und germanischen Brauchtums, deutscher und germanischer Menschensicht hineingewachsen. Wir wissen nun aus den Forschungen von Stumpfl, wie gerade dieses charakteristische und sozialkriti- – 6 – sche Profil der Festnachtsspiele auf uralt- germanische Vorformen der Rüge-und Gerichtsspiele sowie der Fruchtbarkeitsriten zurückgeht, sodass Hans Sachs, der wieder innerhalb der Fastnachtsspiel - Welt des 16.Jahrhunderts nicht ein Anfänger, sondern ein Vollender nach vielen Vorstufen war, das Endglied einer unendlich langen Kette ist. In seinem Fastnachtsspiel - Bereich fliesst gleichsam das Beste dieser ganzen Gattung, gepaart mit der Volksweisheit und dem Volkshumor aus Jahrtausenden noch einmal zu einer prachtvollen Summe des Lebens, zu einer Revue menschlicher Schwäche und Torheiten im Spiegel germanisch - deutscher Sicht zusammen.

Der Nürnberger Schneidersohn Hans Sachs war dabei nicht bloss auf den Horizont seiner Vaterstadt angewiesen. Dieser Nürnberger Horizont des 16.Jahrhunderts war freilich allein schon reich genug; denn als Schnittpunkt norsüdlicher Handelsbeziehungen floss hier vieles an Einsichten aus halb Europa vorbei, was sonst nicht leicht in solcher Fülle an einer Stelle sichtbar gewesen wäre. Und da Nürnberg zugleich Hochburg des Humanismus, Residenz des Erzhumanisten Pirckheimer war, in dessen Diplomatenhaus die berühmtesten Männer der ganzen Eproche ein- und ausgingen, fehlte es nicht daran, dass auch der Lateinschüler Sachs viel von dieser neu erarbeiteten Welt in seinen Handwerker-Horizont bannte. Und was sagt uns nicht für seine Holzschnitt-Manier das Gegenüber von Hans Sachs und Albrecht Dürer, Adam Kraft und Peter Vischer im gleichen Nürnberg dieser Zeit! Es gibt nicht leicht eine gesättigtere Kulturatmosphäre, aus der die Gestalter des Volkes aufsteigen können.

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Aber der Handwerksbursche Hans Sachs hatte ja auch die Welt gesehen, oder zumindest sein weites, schönes deutsches Vaterland. Er hatte Land und Leute erwandert. Mit 17 Jahren war der Geselle über Regensburg nach Tirol gekommen und in Innsbruck in die Dienste Kaiser Maximilians, des letzten Ritters, getreten. Dann führte sein Weg durch Bayern und Franken an den Rhein, über Koblenz und Köln nach Aachen. Ueberall finden wir ihn in den Singschulen der Meister. Mit 19 Jahren treffen wir ihn in Wels - und dort beschloss er, sich der Dichtkunst zu widmen. In einer Münchner Singschule trug er seine ersten Meistergesänge vor. Und noch weitere drei Jahre ging er landauf und landab, nördlich bis nach Lübeck, sündlich bis zu uns nach Wien. Erst 1516, also mit 22 Jahren, machte er sich in Nürnberg sesshaft:

Als er aber nun seine Dichtungen immer selbstständiger aufbaute, als er in ihnen die Welt seiner Erfahrungen ausbreitete und dafür eine unheimliche Fülle der Stoffe aus der Antike, aus dem Dekamerone, aus den Heldensagen und Volksbüchern, kurz aus allem, was überhaupt bis dahin die Weltliteratur geboten hatte, in Anspruch nahm, da war es nur selbstverständlich, dass er bald aus der Reihe tanzte. Die Zäune der Meistersinger-Regeln wurden ihm rasch zu eng und so verband er mit der Vollendung der Meistersinger-Welt auch schon ihre Ueberwindung. Denn ihre allzu konstruktive Gesetzmässigkeit erfüllte er mit dem Organismus des Gewachsenen, des Vollblütigen und Lebendigen, des scharf Zupackenden und, wo nötig, auch des Karikierenden.

Und er bot immer wieder eine Uebertragung all dieser vershiedenartigen Vorwürfe nicht nur – 8 – in seine volkseigene Sprache, sondern auch eine Uebertragung in das typische Bürger-Ethos dieser Zeit, in der das neue Phänomen der Stadtbürger eine führende Rolle im Gefüge der Nation spielte.

Es war nicht der Renaissancegeist des Machtmenschen und des gefährlich Lebenden, der da als Idealzustand zu Tage kam, sondern es war die Lebenslehre des tüchtigen und seiner Gemeinschaft nützlichen Menschen, der aller übergrossen Leidenschaft abhold ist, weil sie die Ordnung durchbricht und den notdürftig durch Arbeit gesicherten Lebensbezirk gefährdet.

So erhebt Hans Sachs in seinen Schwänken und vor allem auch in seinen Fastnachtsspielen sein Wort als Sprecher dieser bürgerlichen Gemeinschaft, die einem schrankenlosen Individualismus ihr Bekenntnis zur gemeinsamen Lebenssicherung durch Fleiss und Treue, durch Anständigkeit und Charakterstärke entgegenrückt. Das Heroische wird dabei oft ins Moralische gewandelt. Aber was dieses Weltbild dadurch an einsam ragender Grösse verliert, das gewinnt es an mächtiger Breite der Lebensvielfalt und der blühenden Bejahung des Daseins als einer schweren aber im ganzen doch lohnenden Aufgabe.

Es ist also eine moralische Welt, die mehr als einmal mit allzu bürgerlichen Wertmasstäben gemessen wird; aber es ist zugleich eine antimaterialistische Welt, die alle Anbeter des Geldes verachtet und an die Stelle der höfischen Mâze des Mittelalters eine neue bürgerliche Mâze als Korrektiv des Daseins setzt; eine bürgerliche Mâze, die viel mehr will als leben und leben lassen, weil auch sie ihr Ideal hat, das nach innerer und äusserer Schönheit strebt. Freilich ist es eine wohlge- – 9 – ordnete, keine wildwachsende und keine fanatische Schönheit; und es ist eine Schönheit, die dem Glück niemals vertraut, sondern ihm höchst skeptisch gegenübersteht, seine Schicksalsschläge wie seine scheinbar grossen Gaben mit unendlicher Werktreue und mit einer Lebensführung voll der grenzsetzenden Bescheidenheit pariert.

Beginnt die Renaissancedramatik Einzelindividuen, Persönlichkeiten zu gestalten: Hans Sachs vollendet in seinen Fastnachtsspielen und Schwänken die im Mittelalter begonnene Typen- Gestaltung. Das böse Weib, der liederliche Mann, der Dumme, der Lügner, der Geizige, aber auch Sozialtypen, vor allem der vom neuen stolzen Stadtgeist her irrtümlich unterschätzte, tollpatschige Bauer, aber auch der sehr skeptisch und oft als Windbeutel oder Verführer angesehene Adelige - sie ziehen in diesem Lebens- und Totentanz der Schwänke und Fastnachtsspiele an uns vorüber als Glieder einer unendlichen Kette unseres Volkes, die herkam vom Anbeginn und die weiterreicht bis in unsere eigene Zeit, ja bis in alle Zukunft.

Bald bieten sich diese Fastnachtsspiele als eine Art szenischer Streitgesprächs dar, wie etwa das erste, das Sie dann hören, "Das Krapfenholen"; oder sie greifen schon nach einer theatralischen Gestaltung der drastischen Gebärde und der mimischen Bewegung, der theatralischen Typen- und Menschengestaltung in wesentlich komplizierteren Formen, wie sie uns in dem zweiten heute Abend vorgeführten Schwank, dem "Bauern mit dem Kuhdieb" begegnen.

Hans Sachsens Fastnachtsspiele und Schwänke sind nicht blosse Belustigung: sie sind in hoher – 10 – Form der Volkstümlichkeit Lehr- und Warndichtung, also Theater mit praktischer Lebensfunktion. Sie sind in ihrer Weise volkhafte Gesellschaftskritik und Lebenslehre. Der Volksdramatiker, der seine Stücke selbst spielt und inszeniert, will zugleich ein grosser Volks-Erzieher sein.

Das Volk aber begreift schon zu Sachsens Lebzeiten den Impuls der volkformenden Unmittelbarkeit, der in diesem Humor und in dieser Kritik liegt. So wurden im 16. Jhdt. Hans Sachsens Fastnachtsspiele im gesamten deutschen Volksraum aufgeführt. Es sind überall die Laienspieler aus dem bürgerlichen, vor allem dem Handwerkerbereich, die auf freien Plätzen oder in Rats- und Wirtsstuben auf einfachster Neutralbühne, bloss unterstützt durch etliche "sprechende" Requisiten und durch einige Symbolkostüme, dieses fröhlihce und doch so ernst gemeinte Spiel mehr improvisierten als zelebrierten. Noch bis tief ins 17. Jhdt. hinein reicht diese erste Wirkung, bis dann die hochbarocke Kunstdichtung sich seit Gryphius "Peter Squentz" über dieses Handwerkertheater lustig macht. Aber auch diese Polemik, richtet sich eigentlich nur gegen das Unzulängliche des tragischen Handwerkertheaters, nicht gegen ihre unverwüstliche, immer wandlungsfähige Komik. Im Gegenteil, die Barockkomödie hat in Text und Spiel viel von Hans Sachs gelernt. Die rein verständnismässige Aufklärung freilich verachtete, trotz Gottscheds Votum, seine naive Volksunmittelbarkeit und seine Holzschnittmanier. Sie arbeiteten ja aus der Distanz der hochfahrenden Bildung. Die Stürmer und Dränger aber, die wieder das Volk suchten, wo es in seiner unverbildeten Kraft und Urwüchsigkeit zu finden war, haben Hans Sachs wieder entdeckt. Sie hörten eben Goethes Bekenntnis zu ihm - und Wieland versichtert im "Teutschen Merkur", auch die anderen Sturm- und Drang- – 11 – gefährten Goethes, voran sein baltischer Freund Lenz, hätten diese Wiederentdeckung mit Jubel und Bewunderung entgegengenommen. Und sie taten das, was einzig diesem Echo zur Dauer verhelfen konnte: sie spielten Hans Sachs, sie führten selbst auf ihren Liebhaberbühnen seine Fastnachtsspiele auf - und sie lernten viel von ihm. Es war nicht nur Hans' Sachsens Versgestaltung, die bist in den Faust hineinwirkte, sondern viele von Goethes köstlichen dramatischen Farcen und Gelegenheitsdichtungen spiegeln die starke Nachwirkung des Nürnbergers. Von Richard Wagners Verherrlichung in den "Meistersingern" wissen Sie ja alle. Sie hat das liebenswerte, urdeutsche Hans Sachs-Bild auch in das 20. Jahrhundert getragen. Und als nach Beendigung des ersten Weltkrieges der gesund gebliebene Teil der deutschen Jugend mit seiner Laienspielbewegung einer dekadenten Berufstheatralik etwas Unverbraucht- Gesundes entgegenrücken wollte, da griffen alle die Laienspieler des Wandervogels und der bündischen Jugend wieder zu Hans Sachs. Seitdem aber ist er der Lieblingsdramatiker all der jungen deutschen Laienspieler geblieben und in all den tausenden von Aufführungen unserer Schüler und Jugendformationen zu immer neuem Leben erwacht, sodass er zu immer neuen Generationen mit unverwelkter Kraft sprach, ja durch sie selbst zu immer neuer Spielfreude erweckt wurde.

Das Berufstheater hat Hans Sachs ein wenig stiefmütterlich behandelt. Aber gerade jetzt, knapp vor der Schliessung der Theater sollte in glücklicher Kombination eines abendfüllenden Geflechts von Fastnachtsspielen auch das Berufstheater für ihn wieder erobert werden.

So bedarf es keiner Prophetengabe, um vorauszusagen, dass Hans Sachs auch noch vielen künftigen – 12 – Geschlechtern unseres Volkes ein Ratgeber und Tröster sein wird, der von der Bühne her aussagt, was rechtens ist und wie der Tüchtige werkt, der Komische und Charakterschwache aber absackt, zur Niete der Gemeinschaft wird. Es ziemt uns, diesem Volksdramatiker, der so oft selbst mitspielte und vor allem sein eigener Regisseur war, unsern Dank zu sagen gerade in einer Zeit, die aus den Fugen geht. Denn sein Theater ist ein Warnbild und in der fröhlich-ernsten Bejahung eine Bühne der seelischen und sittlichen Wohlgeordnetheit. Wir werden sie deshalb vielleicht übermorgen brauchen als Wunden heilende Kraft des Werte-Scheidens und des Zueinander-Ordnens dort, wo das Weltchaos einen Trümmerhaufen hinterliess. Wir lieben und ehren deshalb Hans Sachs nicht als blosse Kuriosität der deutschen Dramen- und Theatergeschichte, sondern als liebenswürdige und doch sehr bestimmte aus einem grossen Volkstumserbe auch ins Künftige unserer Daseinsform wirkende Gestalt deutschen Menschentums".

Sodann aber lasen Studierende der Schauspielschule des Burgtheaters unter der Leitung Prof. Niederführs die beiden lustigen und doch von tiefer Lebensweisheit erfüllten Fastnachtsspiele "Das Krapfenholen" und "Der Bauer mit dem Kuhdieb"; und Hilde Weinberger rezitierte mit feiner Pointierung den Schwank " Warum die Männer Glatzen bekommen". Holzschnittartig wuchs diese Hans Sachsische Gestaltenwelt vor uns auf, in satten Farben und doch scharf konturiert, zupackend in der Kritik der Lebensformen und voll der dauernd gültigen, nur eben lächelnd vorgetragenen Sittlichkeit und Gerechtigkeit. Es war ein Abend des männlichen Humors von tieferer Bedeutung - ebendeshalb für alle, die ihn mitmachten, eine höchst gegenwartsbezogene Feier.

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Für eine zweite Sonderveranstaltung hatte das Zentralinstitut, wie schon zuvor erwähnt, Prof. Niedermoser eingeladen. Er sprach über das wichtige Thema "Die Inszenierungskunst auf dem Theater und im Film". Verbindendes und Trennendes.

Bei dieser Gelegenheit möchten wir darauf aufmerksam machen, dass für die im Dienst der Wehrmacht stehenden Kameraden, filmwissenschaftlichen Interessen ein Feldpostbrief "Filmwissenschaft" von der Fachgruppe Presse, Film, Rundfunk, der Reichsstudentenführung herausgegeben wird; wer dafür Interesse hat, möge sich bei uns melden. Prof. Niedermoser erläuterte:

Bestimmend für die Eigenformen beider Kunstgestaltungen ist der Zuschauer und sein Blick auf die Bühne, bzw. auf die Leinwand. Im Theater nimmt er einen festen Standpunkt ein und betrachtet das gleich bleibende, nur von Szene zu Szene wechselnde Bild, das sich ihm als Zuschauer, als Betrachtendem in seiner Eigenräumigkeit darbietet. Er steht nicht selbst im Raum - sondern ausserhalb desselben.

Ganz anders im Film! Dort ist die Kamera das Auge des Zuschauers - die Kamera, die selbst im Raum steht, selbst mitspielt. Ihr Blickfeld ändert von Sekunde zu Sekunde das Objekt, wie das Auge des Menschen, das sich, im Raum bewegend, von Gegenstand zu Gegenstand wandert. Das Drehbuch zeigt in raschestem Wechsel neue Einstellungen: Gross- und Nahaufnahmen, Halbnah- und Totalaufnahmen.

Schon hier zeigt sich die unterschiedliche Gesetzlichkeit von Bühne und Film. Sucht der Bühnen- bildner den ganzen Bühnenraum in seiner Vollständigkeit, in Andeutung, Ornamentik und Stimmung – 14 – als totales Bild aufzubauen, so kennt der Film nur den Ausschnitt, das Einzelne, das für das Ganze steht. Er kennt kein Umfassen des Gesamtraumes, sondern baut diesen mosaikartig oder in architektonischer Werdefolge auf dem Grundriss auf. - Er kennt verschiedene Bewegungsabläufe, um zu diesem Ziel zu gelangen: 1. die Fahrt (die Kamera bewegt sich auf Fahrstegen). 2. die Schwenkung (die Kamera steht und macht eine Schwenkung um die eigene Achse). 3. den Schnitt (das Bild bricht ab und springt in eine neue Einstellung über).

Prof. Niedermoser schnitt nun noch einzelne technische Fragen an, die sich mit der praktischen Durchführung des Schnittes befassten.

Mit dieser intensiven Betrachtung des Einzelnen und dem Mit-im-Raum-leben des Zuschauers ist der Film an das Reale, an das Wirkliche gebunden, während das Theater ganze Traumwelten vor uns entrollen kann. Phantasie ist die geistige Grundlage des theatralischen Raumes - Tatsächlichkeitsdeutung ist die Aufgabe der Leinwand.

Prof. Niedermoser illustrierte diese Ausführungen durch Bilder aus den Entwürfen seiner Studierenden zu den Stücken "Napoleon oder die hundert Tage", die theatralisch gelöst waren, und zu Storms Novelle "Pole Poppenspäler", die filmisch gestaltet waren.

Um nun aber gerade die Studierenden der Theaterwissenschaft in dieser theaterlosen Zeit gleichwohl mit der Welt des Dramatischen in Füh- – 15 – lung zu erhalten, veranstaltet das Zentralinstitut mit Erlaubnis des Generalkulturreferenten und im Einvernehmen mit Generalintendanten Müthel (Burgtheater) eine Reihe von Dramen-Lesungen, die fast zur Gänze von Burgschauspielern bestritten werden. Diese Dramen- Lesungen werden einem grossen Thema untergeordnet, das dem Ernst unserer Tage entspricht: "Der Wandel der Faust-Gestalt auf der Bühne". Der erste dieser Abende fand am 14.November im Kainzraum statt. Nach einer kurzen Einführung von Prof. Kindermann las Oberregisseur Franz Herterich (Burgtheater) eine Reihe der überaus anschaulichen dämonenerfüllten Kapitel aus dem Spies'schen Faust-Volksbuch des 16. Jahrhunderts, dieser ersten dichterischen Gestaltung des Vorwurfs. Dann wurden unter Mitwirkung der Burgschauspieler Eybner, Haeussermann, Herterich und Schmidt wichtigste Szenen aus Marlowes "Faust", dieser von den Wanderbühnen des 17. Jahrhunderts vielgespielten ersten theatralischen Gestaltung des Vorwurfs und zum Schluss einige köstliche Auftritte aus jenem alten Faust- Puppenspiel gelesen, das noch der Knabe Goethe in Frankfurt selbst spielte. Sprach aus dem Volksbuch das Schaudern des frommen Erzählers über den Erzzauberer, der freventlich trachtete, "das zu lieben, das nicht zu lieben war" und von dem er doch geheim bewundernd berichten musste: "dem tracht er Tag und Nacht nach und nahm an sich Adlersflügel", so stieg aus den Szenen von Marlowes "Faust" der Geist der Renaissance empor, der Persönlichkeitskult dieses Zeitalters, das das Ungewöhnliche nicht mehr fürchtete, sondern emporhob. Sprach aus dem Volksbuch indirekt der Suchende, der die allzu engen Grenzen des Irdischen wenigstens durchschauen oder überlisten möchte - der Faust Marlowes will diese Grenzen durchstossen. Schon schlägt er sich, wie dann der Goethesche, in seinem Anfangsmonolog mit den einzelnen Fakultäten herum und findet, da sie alle ihm nicht – 16 – genügen können, den Weg zu Magie, um - typisch für Renaissance und Barock - zur Macht zu gelangen. Er verschreibt seine Seele der Hölle, um die Schätze Indiens zu erringen, um Deutschland mit ehernen Mauern zu umgeben, um Italien zu erobern. Auf einem geflügelten Drachen fährt er durch die Luft und führt den Grossen der Erde seine Künste vor. Dieses Faustdrama Marlowes wurde von Graz bis Danzig in allen grossen Städten Deutschlands zur Barockzeit gespielt. Unsere Burgschauspieler lasen mit wundersamer Versenkung in diese dunkle und zugleich so herrschsüchtige Welt die Anfangsszenen: Faust (Herterich) in der Studierstube in seinen Auseinandersetzungen mit Mephistopheles (Eybner) und mit dem bösen und guten Engel (die beiden Engel wurden von den Institutsmitgliedern Gerstner und Rohner gelesen), weil gerade sie, bis hin zu dem Augenblick, da Mephisto Faust das Zauberbuch überreicht, das ihm die schrankenlose Gewalt über die Welt eröffnet, den Vergleich mit Goethe besonders nahelegen.

– 26 – Liebe Kameraden !

Wenn ich Euch diesmal die Grüsse der Fachschaft und somit der noch studierenden Kollegen übermittle, so geschieht das unter ganz anderen Voraussetzunen als es noch im letzten Rundbrief möglich war. Der totale Kriegseinsatz hat auch bei uns die Reihen stark gelichtet. Der Grossteil der im letzten Semester hörenden Kollegen steht heute im Rüstungseinsatz oder ist wieder zur Wehrmacht zurückberufen worden. Somit ist es also nur einer kleinen Gruppe möglich, das Studium fortzusetzen. Es ist ganz selbstverständlich, dass wir, die wir diese Möglichkeit noch besitzen, die in den vergangenen Semester geleistete Arbeit womöglich noch zu intensivieren suchen. Durch die einschneidenden Massnahmen des totalen Krieges ist es mir nicht mehr möglich, die geplanten Veranstaltungen in diesem Semester voll durchzufürhen. Aber auch hier hat sich ein Ausgleich finden lassen, indem die Fachschaft Theater in Kulturabenden die kulturelle und schöngeistige Betreuung der Studierenden und der im Rüstungseinsatz stehenden Kollegen aufnimmt. Die Kulturabende, die in diesem Semester zur Durchführung gelangen, beschäftigen sich vor allem mit den dramatischen Dichtungen der deutschen Klassiker die in Form von Lesungen abgehalten werden. Im Rahmen dieser Lesungen können sich die Kollegen der Theaterwissenschaft betätigen, die gleichzeitig auch die Schauspiellaufbahn einschlagen wollen. Es ist zwar nur ein kleiner Ausgleich, aber schon die erste Lesung (Grillparzer - Abend) hat bewiesen, welche Freude und Anregung uns die Gestaltung dieser Lesung geben kann.

Nun bitte ich Euch, liebe Kameraden, nicht ungehalten zu sein, dass ich mit dem Briefwechsel Front und Heimat nicht so einsetzen kann, wie es – 27 – mir im letzten Semester vorgeschwebt hat. Aber die geringe Anzahl der Studierenden und die zunehmende Anzahl der fernbetreuten Kameraden lassen diesen Briefwechsel im gedachten Ausmass nicht zur Durchführung gelangen. ich bin jedoch nach wie vor bemühr, diese Schwierigkeiten zu überbrücken, nur bitte ich Euch um Verständnis.

Liebe Kameraden! Ich möchte Euch, so weit es uns die momentan schwere Kampfphase ermöglicht, trotzdem ein recht frohes Fest wünschen.

Heil Hitler!

Euer

Fachschaftsleiter A. Zeckl